Saturday, 5. November 2005

Leaving November Rain

Im November, bei Wetter wie gestern - nebelig, hin und wieder Nieselregen, kühl, aber nicht so kalt, dass man Dampfwolken atmet, Lust haben, loszugehen, immer weiter, über Wiesen und durch Wälder streifen, stundenlang. Als das Gefühl einsetzt, stehe ich vor dem Haus, freundliche gelbe Rechtecke vor und hinter mir das Rauschen des Verkehrs, der Klang, den Autoreifen nur haben, wenn die Fahrbahn nass und glänzend ist. Der Himmel grün und dann grau; ich habe nicht die geringste Lust, jetzt hineinzugehen und wieder eine von allen zu werden. Wer braucht schon einen Fernseher? Viel lieber auf einem Berg stehen und hinunter blicken auf Wien, sich an einem Gedanken freuen, den in diesem Augenblick niemand sonst denkt.
Genau jetzt beginne ich wieder, das Verstehen zu verstehen, ich habe, merke ich, über den Sommer nur vergessen, wie man versteht.

...

In einem Literaturtheoriebuch einen Satz von Paul de Man finden:

"Kein normaler Mensch käme auf die Idee,
mithilfe des allein vom Wort 'Tag' gespendeten Lichts
Wein anzubauen."

Anstatt die Zeit in Tage, Wochen, Monate oder Jahreszeiten zu schneiden,

könnte man, zumindest ich, sie genauso gut in Musik einteilen.

Heute, vor einem Jahr, zum Beispiel... nein, nicht heute vor einem Jahr. Ungefähr größer 16. Dezember. Heute ist mir nur die Musik zu ungefähr größer 16. Dezember eingefallen - warum nehmen wir in dem Moment, in dem uns ein Gedanke streift, immer an, es handle sich bei der Erinnerung um etwas vor einem Jahr Erlebtes?
Ungefähr größer 16. Dezember ist Blind Melon - No Rain. Was ich an No Rain mag, ist die Stimmung, die es hervorruft (die Erinnerung? Nein, auf keinen Fall). Wenn ich in einem kurzen erinnernden Moment (vielleicht, weil ich gerade zufällig Blind Melon höre) zurückdenke, bleiben von größer 16. Dezember nur die Blind Melon Momente. Blind Melon Momente gleich Momente des sich Wunderns, neben sich Stehens und Kopfschüttelns, die in All You Zombies-Momente von den Hooters übergehen, sich vermischen, und zwischendurch die eine oder andere Zeile aus Satellite, So Jump in the River and Learn to Swim, während es nach etwas schwer zu Definierendem riecht, vielleicht nach Plastik, aber besser, oder No Rain. Blind Melon Momente, im Nachhinein faszinierend, so, als würde man ein altes Video anschauen.

Größer oder ~ 16. Dezember, irgendwann, gab es einen ganz kurzen Böhse-Onkelz-Moment. Den Namen des Liedes habe ich vergessen; jemand, der noch immer eine CD von mir hat, die mir im Grunde nie gefallen hat, wollte, dass ich in diesem Lied das Rauschen von Wellen am Strand höre, oder etwas Ähnliches, ich weiß es nicht mehr genau. Der Böhse-Onkelz-Moment, er hat nicht lang gedauert, fünf Minuten vielleicht, so wie das Lied, ist ein neutraler, ein hinleg- und wieder aufsteh Moment, in dem man an anderes denkt, in Autos, wie immer. Die, die von Autos fasziniert sind, machen alles in Autos, lesen, lernen, essen (Pizza), schlafen, und was man sonst noch so macht; ich kann mit Autos nichts anfangen, außer fahren, versteht sich. Vielleicht ist das das ganze Problem, vielleicht sollten Automenschen und Nichtautomenschen sich einfach nicht vermischen.

Irgendwann gab es einen Nothing Compares To You Moment, im Dezember vielleicht, oder im November. Ein großer Moment, ein kleiner Moment, der zwar nichts mit Nothing Compares To You zu tun hatte (dafür mit Glühwein), aber ein wunderschöner war, einer, der, zumindest rein theoretisch, etwas mit Nothing Compares To You zu tun gehabt haben könnte, praktisch hat es ihm vielleicht ganz gut getan, dass er einfach nur schön war, rot und haarig und, ich glaube, auch Musik, also ziemlich gut und wow - was würde eigentlich passiert sein, wenn man Gedanken lesen könnte, würde alles schlimmer oder besser, einfach nur anders?

Heute vor einem Jahr? Ich weiß nicht, Muse vielleicht. Absolution. Ein gutes Album, aber mir gefällt die Musik nicht mehr. Eine neutrale Gegend hat nichts zu tun mit Momenten, nur eine Ahnung von ein paar Fetzchen Muse, irgendwo.

Going Underground. Town Called Malice. Rollerscates. Alte Zeiten, kalte Zeiten. Andere Zeiten. Lang, länger, längst.

Viel später (aber früher) die Shakespeare Sisters. Hello, immer, wieder, Nacht, Feber, und. Es war heller als sonst, nämlich heller als Nächte gemeinhin sein können. Es war natürlich stärker als Kaffee... Es war – es ist – es war und es ist. Es gibt kein Wort, nur ein Lied und ein Gefühl, eines, das man gern und immer und immer und immer wieder und weiter und bleibt.
5 Sterne für die Shakespeare Sisters in der iTunes Wertung und ein Himmel voller Monde, Sterne, Milchstraßen für dieses Stück Zeit.

Heute? Lässt sich noch nicht sagen. Nur im Rückspiegel sehen wir die Musik, ihre Umgebung anfangs noch deutlich, dann wird es Nacht und nur hie und da leuchtet eine Straßenlaterne auf, ein beleuchtetes Küchenfenster, ein Glühwürmchen, markant aber unwirklich, und bei jedem Blick ein bisschen mehr so, wie wir gern erinnern wollen. Was bleibt, deutlich wie zuvor, ist die Musik, laut und doch persönlich. Unteilhaft.
Schade, dass die Dinge umso einziger sind, je lieber man sie teilen würde.

paramañana.

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