Acatenango, Guatemala
Unsere zweite Station ist Acatenango. Auch Acatenango liegt in der Nähe von Chimaltenango, und immer geradeaus.
Hier ist gerade eine Quinciñera im Gange - die Feier zum 15. Geburtstag eines Mädchens. 15 ist das Alter, in dem frau von einer niña zur señorita wird und damit das heiratsfähige Alter erreicht.
Das ganze Dorf feiert mit, in der kleinen Kirche ganz oben am Hügel. Wiederum werden wir erst mit Skepsis empfangen, doch Carlos und Antonio wissen schnell die Gunst des Radiodirektors zu gewinnen. Dieser ist der stolze Vater der Quinciñera (daher der Anzug) und muss das Interview immer wieder unterbrechen, um väterlichen Aufgaben bei der Feier nachzukommen.

Während Carlos und Antonio das Interview führen, werden Rachel und ich von den Dorfbuben umringt, die ihre anfängliche Schüchternheit schnell ablegen und verlangen, dass wir Fotos von ihnen machen und ihre Spitznamen auf Englisch und Deutsch übersetzen. Als wir ihnen eine Flasche Cola zuwerfen, stürzen 20 lachende Buben gleichzeitig darauf wie ein Rudel hungriger Wölfe, sodass die Flasche unter einem Berg strampelnder Kinderbeine zerplatzt. Ein kleiner Junge erbeutet den Colarest. Erst geht er ein paar Meter ganz unauffällig, das Cola fest in beiden Händen, dann rennt er mit seiner Beute ums Eck, so schnell ihn die kurzen Beine tragen.
Die älteren Buben treiben bald ihre üblichen novia Scherze mit uns, während sich die Mädchen im Hintergrund halten. In einer Kultur, in der seit Generationen Männer höher gestellt sind als Frauen, werden sie auch heute noch zur Zurückhaltung erzogen.
Kurz darauf ruft uns der Direktor zum Essen. Inmitten der Dorfbewohner tunken wir dicke tortillas de maíz in Gulaschsauce und spülen mit klebrig-süßem, kochend heißem schwarzen Kaffee nach.

Der Direktor der Radiostation von Acatenango.
Im Unterschied zu FM Yepocapa besteht dieses Team fast nur aus Männern. Das Büro wirkt moderner als das in Yepocapa, die technische Ausstattung ist in etwa dieselbe.
Da der Regierungswechsel kurz bevorsteht, erkundigen wir uns, ob auch politische Beiträge gesendet würden. Der Direktor schüttelt entschieden den Kopf. "So wenig wie möglich." Man wolle sich keine Probleme einhandeln.
~ ~ ~
Ich frage mich, wie uns die Acatenaños empfangen hätten, wären wir ohne Carlos und Antonio unterwegs gewesen. Ebenso freundlich? Skeptischer? Mit weniger Respekt?
Ist man (frau) in Lateinamerika allein unterwegs, sinkt die Hemmschwelle der Einheimischen, was oft Türen zur Kultur und zum Vertrauen der Menschen öffnet, die einer Gruppe verschlossen blieben. Vor allem mit Frauen und Mädchen ins Gespräch zu kommen ist in (männlicher) Begleitung ungleich schwerer. Andererseits bekommt man - dank derselben niedrigeren Hemmschwelle einer- und der schieren Faszination, die eine allein reisende junge Frau auf diese Kultur auszuüben im Stande ist, andererseit - den allgegenwärtigen Machismo wesentlich stärker zu spüren.
Hat man hingegen (männliche) Begleitung, scheinen die Menschen, die einem begegnen, instinktiv einen Schritt zurückweichen. Es ist, als würde man im Windschatten eines anderen Fahrrad fahren: Wie der Vordermann am Fahrrad verstellt auch ein Begleiter mitunter die freie Sicht auf das, was vor uns liegt. Andererseits kann der Windschatten eines Einheimischen auch Einlass in eine Welt gewähren, die man alleine nicht erreichen könnte, ganz gleich, wie schnell man strampelt.
Hier ist gerade eine Quinciñera im Gange - die Feier zum 15. Geburtstag eines Mädchens. 15 ist das Alter, in dem frau von einer niña zur señorita wird und damit das heiratsfähige Alter erreicht.
Das ganze Dorf feiert mit, in der kleinen Kirche ganz oben am Hügel. Wiederum werden wir erst mit Skepsis empfangen, doch Carlos und Antonio wissen schnell die Gunst des Radiodirektors zu gewinnen. Dieser ist der stolze Vater der Quinciñera (daher der Anzug) und muss das Interview immer wieder unterbrechen, um väterlichen Aufgaben bei der Feier nachzukommen.

Während Carlos und Antonio das Interview führen, werden Rachel und ich von den Dorfbuben umringt, die ihre anfängliche Schüchternheit schnell ablegen und verlangen, dass wir Fotos von ihnen machen und ihre Spitznamen auf Englisch und Deutsch übersetzen. Als wir ihnen eine Flasche Cola zuwerfen, stürzen 20 lachende Buben gleichzeitig darauf wie ein Rudel hungriger Wölfe, sodass die Flasche unter einem Berg strampelnder Kinderbeine zerplatzt. Ein kleiner Junge erbeutet den Colarest. Erst geht er ein paar Meter ganz unauffällig, das Cola fest in beiden Händen, dann rennt er mit seiner Beute ums Eck, so schnell ihn die kurzen Beine tragen.
Die älteren Buben treiben bald ihre üblichen novia Scherze mit uns, während sich die Mädchen im Hintergrund halten. In einer Kultur, in der seit Generationen Männer höher gestellt sind als Frauen, werden sie auch heute noch zur Zurückhaltung erzogen.
Kurz darauf ruft uns der Direktor zum Essen. Inmitten der Dorfbewohner tunken wir dicke tortillas de maíz in Gulaschsauce und spülen mit klebrig-süßem, kochend heißem schwarzen Kaffee nach.

Der Direktor der Radiostation von Acatenango.
Im Unterschied zu FM Yepocapa besteht dieses Team fast nur aus Männern. Das Büro wirkt moderner als das in Yepocapa, die technische Ausstattung ist in etwa dieselbe.
Da der Regierungswechsel kurz bevorsteht, erkundigen wir uns, ob auch politische Beiträge gesendet würden. Der Direktor schüttelt entschieden den Kopf. "So wenig wie möglich." Man wolle sich keine Probleme einhandeln.
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Ich frage mich, wie uns die Acatenaños empfangen hätten, wären wir ohne Carlos und Antonio unterwegs gewesen. Ebenso freundlich? Skeptischer? Mit weniger Respekt?
Ist man (frau) in Lateinamerika allein unterwegs, sinkt die Hemmschwelle der Einheimischen, was oft Türen zur Kultur und zum Vertrauen der Menschen öffnet, die einer Gruppe verschlossen blieben. Vor allem mit Frauen und Mädchen ins Gespräch zu kommen ist in (männlicher) Begleitung ungleich schwerer. Andererseits bekommt man - dank derselben niedrigeren Hemmschwelle einer- und der schieren Faszination, die eine allein reisende junge Frau auf diese Kultur auszuüben im Stande ist, andererseit - den allgegenwärtigen Machismo wesentlich stärker zu spüren.
Hat man hingegen (männliche) Begleitung, scheinen die Menschen, die einem begegnen, instinktiv einen Schritt zurückweichen. Es ist, als würde man im Windschatten eines anderen Fahrrad fahren: Wie der Vordermann am Fahrrad verstellt auch ein Begleiter mitunter die freie Sicht auf das, was vor uns liegt. Andererseits kann der Windschatten eines Einheimischen auch Einlass in eine Welt gewähren, die man alleine nicht erreichen könnte, ganz gleich, wie schnell man strampelt.
thisandthat - 28. Jan, 12:56




