Hauswand auf der Inselstadt Flores im Süßwassersee Lago Izabal.
Mitte Jänner hat Alvaro Colom die Präsidentschaft angetreten. Die Menschen sind skeptisch, aber auch hoffnungsvoll. Carlos meint, dass Colom die Lage der indigenen Bevölkerungsgruppen verbessern könne. Er formuliert seine Hoffnungen vorsichtig. Malt ein Fragezeichen in die Luft mit seinem Tonfall. Wer im Guatemala der letzten korrupten Jahrzehnte aufgewachsen ist, hat gelernt, Politikern zu misstrauen.
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Tina & Amalia
Im
Cool Beans Café, in dem ich kaffeetrinkend und lesend meine Erkältung auskuriere, lerne ich Tina und Amalia kennen, die von ihrem Leben auf der Alpha Farm, einer Lebensgemeinschaft (intentional community) in Oregon, erzählen. Amalia lebt und arbeitet seit zwei Jahren auf der Farm. Sie hat sich der Gemeinschaft angeschlossen, weil sie nach der Highschool weder studieren noch die gemeine kapitalistische Arbeitswelt unterstützen wollte. Die Alpha Farm schien ihr eine gute Alternative.
Tina, die erst seit einer Saison auf der Farm lebt, hat ihr altes materialistisches Leben hinter sich gelassen - hauptsächlich, weil sie die Ausbeutung der Umwelt,
"the cutting down of trees!", nicht länger unterstützen wollte.
Da die Alphafarmer kaum Geld verdienen, erkundige ich mich, wie die beiden sich die Guatemalareise leisten könnten. Tina erklärt, dass sie in ihrem "alten Leben" relativ viel Geld angespart hätte. Geld erwecke in ihr die ungesunde Gier nach
mehr, mehr mehr!. Dem wolle sie ein Ende setzen, in dem sie all ihr Geld ein für alle Mal loswürde. Und was wäre besser dazu geeignet, als eine Freundin auf eine Reise nach Guatemala einzuladen! Sie und Amalia hätten nun also einige Wochen, um all das auszugeben, was Tina in jahrelanger Arbeit angespart habe.
Die dem Untergang geweihte westliche Welt und die Psychologie perfekter Kindererziehung diskutierend spazieren wir rund um die Inselstadt. Ich beauftrage Tina und Amalia, das Casa Guatemala zu besuchen, wenn sie am Rio Dulce sind. Sie schenken mir ihr
little Belize book, und ich ihnen meine restlichen Lempiras, und dann trennen sich unsere Wege - meiner, der unaufhaltsam zurück in den Kapitalismus führt, und der ihre, in den Idealismus.
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Shimi
In Flores teile ich mir ein Zimmer mit Shimi aus Israel, einer zufälligen Busbekanntschaft. Über Bier und Spaghetti führen wir hitzige Diskussionen über seinen Patriotismus, den ich nicht verstehe, über die Götter, an die wir nicht glauben, und über die traurige Tatsache, dass Europäer und Nordamerikaner (so Shimi) einfach keine Verbindung zu ihrem Land hätten und die Absurdität (ich), lieber im Krieg für sein Land zu sterben (Shimi), als es zu verlassen und sich anderswo ein neues Leben aufzubauen.
Es zu verlassen, und sich irgendwo ein anderes Leben aufzubauen? Wie ich mir das vorstelle?
Er habe schließlich studiert, sei erfolgreich in seinem Job und finanziell in der Lage, ein Haus am Strand zu mieten, außerdem spreche er perfekt Englisch - es müsse ihm doch ein Leichtes sein, etwa in die USA auszuwandern, vor allem, da er schon ein Jahr in Manhatten gelebt und gearbeitet hätte. Was denn das Problem sei? (ich)
Das Problem! (Shimi) - das sei ja wohl offensichtlich! - sei, dass er eben nirgends anders leben
wolle. Israel sei seine
Heimat. Sein
Vaterland. Die
Vergangenheit seines Volkes. Ob ich nichts vom Holocaust wisse? Israel sei der eine Ort, an dem Juden Sicherheit finden könnten, sollte jemals wieder so einer kommen - einer wie Hitler, oder wie der Präsident vom Iran. Er würde lieber in einem jüdischen Israel sterben, als heimatlos in der nichtisraelischen Fremde zu leben.
Ist denn nicht Frieden, meine ich, immer besser als Krieg? Ist es nicht immer besser, nicht zu kämpfen, als zu kämpfen? Niemanden zu töten, als zu töten? Wenn nun alle, sage ich, weggehen würden, anstatt ihr Land zu verteidigen, dann gäbe es weniger Kriege und weniger Unglück und weniger...!
Was nütze ihm all das wenige Unglück, wenn er es nicht in Israel erfahren könne! Es gäbe eine Verbindung zwischen einem Israeli und seinem Land - eine Verbindung, die zwischen uns Österreichern und unserem Land nicht bestünde. Eben das sei mein Problem.
Ich trinke mein Bier aus,
Brava, und drehe den Zettel in meiner Hand, auf dem Shimis Email-Adresse steht, und irgendwo, irgendwie, verstehe ich
etwas besser,
etwas, das sich nicht in Worte fassen lässt und das keinen Namen hat.
Irgendwann einmal werde ich ihn besuchen, und er wird mir, hat er versprochen, Israel zeigen -
sein Israel.
Mir sind die Argumente ausgegangen.
Er war im Krieg, hat Bomben fallen hören und Busse explodieren sehen in Tel Aviv. Ich nicht.