Von Weihnachtsgeschenken, den echten.

Eigentlich wollte ich gerade über Essays schreiben. Und über die Wichtigkeit des Wortes "you", im Allgemeinen und in diesen Essays, und darüber, dass das Verbieten von you verboten sein sollte. Das habe ich gerade auch getan - ziemlich lang und ziemlich Englisch, aber - es sollte wohl nicht sein - in dem Moment, in dem ich den Beitrag veröffentlichen wollte, ist er verschwunden. Schön, dann eben nicht. Somit dürft ihr euch jetzt nicht an einer Lehrveranstaltung, dessen einzige positive Eigenschaft darin besteht, dass sie nicht Mittwochs ist, erfreuen, sondern an...

Weihnachten. Woran denn auch sonst. Weihnachten steht vor der Tür, und jeder, wirklich jeder, sollte schön langsam (ungefähr genau jetzt) damit beginnen, sich Gedanken zu Vorbereitungen und Geschenken zu machen. Eigentlich bin ich im Moment überhaupt nicht in Weihnachtsstimmung. Vielleicht schreibe ich diesen Beitrag gerade nur, weil ich das Abwaschen noch ein bisschen vor mir herschieben will. Das ist wohl kein guter Ausgangspunkt für einen Weihnachtsbeitrag? Nun, lassen wir uns überraschen.

Einmal jährlich gibt es neben den allgegenwärtigen (den stillen, den leisen) Weihnachtsgeschenkproblemen die ganz konkreten, die, die etwas mit Weihnachten selbst zu tun haben. Im Grunde genommen haben die einen mit den anderen nicht gerade viel gemeinsam: Während es bei den allgegenwärtigen in erster Linie ums Nehmen geht, geht es bei den Konkreten ums Geben. Während die Alltagsweihnachtssorgen alles andere als kreativ, sondern eben ganz gewöhnlich, so unscheinbar, dass leider fast schon übersehen, sind, ist hier und jetzt Phantasie gefragt. Einfallsreichtum. Kreativität. Diese hier kann man nämlich nicht übersehen – sie haben eine große rote Schleife und Sternchenpapier; dort mehr Ausdruck, hier mehr Eindruck, und auch ich beginne, in Weihnachstgeschenksideensuchkopfzerbrechen zu versinken. Wenn ich ausgefallene, absolut geniale, total kreative, noch nie dagewesene Ideen habe, dann immer schon spätestens Anfang Oktober – oder eben gar nicht. Heuer ist ein Ebengarnicht. Naja, vielleicht nicht ganz ein Garnicht – ich hab schon die eine oder andere Idee, allerdings sind es eben einfach nur mittelmäßige Ideen – keine schlechten, natürlich nicht. Aber auch keine ausgefallenen, absolut genialen, total kreativen, noch nie dagewesenen. Das Problem ist, dass ich aber gerne ausgefallene, absolut geniale, total kreative, noch nie dagewesene Ideen habe. Schenken ist schließlich immer noch ein kleines bisschen (mir fällt gerade auf, dass es mir unmöglich ist, ohne das Wort „bisschen“ auszukommen) schöner als beschenkt werden. Was geht schon über das Gefühl, jemandem eine richtig große Freude gemacht zu haben. Keine normale Freude, keine kleine Freude, sondern eine leuchtende-Augen-à-la-Kind-findet-Schaukelpferd-unterm-Christbaum-Freude. Und das funktioniert eben nur mit ausgefallenen, absolut genialen, total kreativen, noch nie dagewesenen Geschenken.

Mein Problem ist nicht, dass ich keine Ideen hätte; es ist auch nicht so, dass ich nicht die eine oder andere absolut geniale Idee hätte – auch die habe ich, und zwar für all jene Menschen, denen ich nichts zu schenken gedenke. Die machen es einem immer leicht. Ich kenne beispielsweise jemanden, den könnte ich mit einer Kokosnuss und einem digitalen Fieberthermometer in den siebenten Himmel befördern. Außerdem gibt es auch noch Menschen, die sich am meisten freuen, wenn man ihnen gar nichts schenkt. Allerdings gehören auch diese Leute nicht zu denen, denen ich etwas unter den Christbaum legen werde, und jemandem nicht nichts schenken ist dann halt doch nicht zu vergleichen damit, jemandem Nichts zu schenken.

Jedes Jahr findet sich die eine oder andere Person, die einem besonders am Herzen liegt, über deren Geschenk man sich also besonders früh und besonders ausführlich den Kopf zerbricht. Mir fällt in der Regel früher oder später auch allerhand ein – meist eine Ansammlung gar nicht mal so schlechter Kleinigkeiten. Doch sobald ich diese näher bedenke, stelle ich fest: A) passt nicht zu Weihnachten. B) Passt wirklich gut zu Weihnachten, allerdings ist B) etwas, über das ich mich freuen würde. C) Nein, C) hab ich schon mal verschenkt und außerdem mag ich es nicht, wenn aus Geschenken ersichtlich ist, wie viel sie gekostet haben. D) ist zwar eine ganz nette Idee, aber vielleicht geht sie dann doch ein bisschen am Interesse vorbei. E) ist zwar praktisch, aber eben praktisch. Weihnachtsgeschenke sollen keinen praktischen Nutzen haben. Aber F). F) mag ich. F) werde ich auch nehmen, F) ist toll. Dazu dann noch – wie schön, dass gestern...! – G). Aber F) und G) nicht so ganz das Wahre, da fehlt das entscheidende Etwas. Ich suche H), weiß nur nicht, wo ich anfangen soll. Vielleicht doch D)? Hmm… Noch 25 Tage Zeit.

Ach ja – wo wir schon bei Weihnachten sind und mir gerade einfällt, wie viel man bei diesem Fest der Feste eigentlich falsch machen kann und mein Blog ja ein ausnahmslos pädagogisch wertvolles ist, bitte ich euch, dieses kleine Regelwerk auswendig zu lernen:

1) Der Christbaum. Der Christbaum hat eine Tanne zu sein – nein, keine Silbertanne. Eine einheimische Tanne mit grünen Nadeln, etwa so, wie der Hintergrund meines Headers. Es gibt – man stelle sich das vor! – doch tatsächlich Menschen, deren Christbaum ein Eisengestell mit künstlichen Nadeln ist! Dieses Ding müssen Sie sich wie einen Regenschirm vorstellen – man kann es nach Gebrauch zusammenklappen und in den Keller (*) stellen, bis wieder Weihnachten wird. Ein solcher Tannenschirm ist absolut unzulänglich. Wagen Sie es nicht, sich sowas ins Haus zu holen.
Merke: Ich darf keine Plastikbäume kaufen. Denn:
Der Tannenbaum ist die Seele von Weihnachten. Ein Weihnachten ohne nach Tannennadeln duftenden Christbaum egleich ein Weihnachten ohne Seele. Weihnachten ohne Seele ist kalt. Seele? Muss ich schon wieder alles erklären? Also gut. Seele ist das, was man nicht sieht – nehmen wir einmal das Beispiel Mensch. Nur ganz wenige Menschen haben Seele, und die haben dafür dann umso mehr davon. Seele ist etwas Scheues, etwas Verletzliches, etwas, das viel zu oft unabsichtlich getötet wird. Seele versteckt sich gut, aber manchmal schaut sie ganz vorsichtig heraus und tut etwas vollkommen uneigennütziges, ohne nach warum und wieso zu fragen. Erinnert ihr euch an den Mann mit dem Regenschirm? Der hatte Seele.

2) Die Kerzen. Die Kerzen haben alle dieselbe Farbe zu haben, aus Wachs zu sein und angezündet zu werden. Ich weiß, hin und wieder brennt ein Christbaum ab, manchmal Wohnblöcke und Stadtteile. Schön und gut. Die Feuerwehr will auch von etwas leben, und Weihnachten ist nur, wenn man es riechen kann. Darum wage es ja niemand, elektrische Christbaumbeleuchtung zu verwenden, wir brauchen echte Kerzen und

3) Kekse. Die Kekse werden selbst gebacken, nicht im Supermarkt gekauft. Merke: Jeder muss zu Weihnachten mindestens eine Sorte Kekse backen, und zwar jedes Jahr. Jeder muss so viele Kekse essen, bis ihm gerade noch nicht schlecht ist.

4) Gegenstände, die vollständig oder zu großen Teilen aus Plastik bestehen, dürfen nicht verschenkt werden.

5) Weihnachtsgeschenke dürfen keinen praktischen Nutzen erfüllen.

6) Verschenke nichts, aus dem ersichtlich ist, wie viel es gekostet hat.

7) Jeder, der eine hat, muss Weihnachten mit seiner Familie feiern.

8) Weihnachtsmänner in Wort oder Tat sind tabu. Wir glauben alle an das Christkind.

9) Selbstgemachte Weihnachtsgeschenke sind die schönsten. Dabei geht es nicht um Preis oder Material, sondern um Botschaft. Weihnachten ist ein Fest der Botschaft. (Das heißt, dass sie jemandem, den sie nur viel zu selten sehen, eine Sanduhr schenken sollen, oder jemandem, der in Selbstzweifeln und Unsicherheiten lebt, einen Spiegel).

10) Jeder muss (vorausgesetzt es liegt Schnee) vor Weihnachten mindestens einen Schneemann gebaut haben. Meine Mutter hat mir erklärt, warum Schneemannbauen so wichtig ist. Also, dass ist so: Es gibt im Leben zwei Sorten von Dingen, denen wir vermehrt unsere Aufmerksamkeit schenken sollten, nämlich die wichtigen und die dringenden Dinge. Begegnen wir zum Beispiel dem Fensterputzen, fragen wir uns: „Ist es dringend?“ – „Ja.“ – „Aber ist es wichtig?“ – „Nein.“ Daraus folgt, dass es nicht nötig ist, die Fenster zu putzen, jedenfalls nicht jetzt sofort. Als nächstes begegnen wir dem Schnee. Wieder fragen wir uns: „Ist das Bauen eines Schneemanns dringend?“ – „Nein.“ Aber ist es wichtig?“ – „Ja, sehr wichtig.“ Also gehen wir (jetzt sofort) hinaus und bauen einen Schneemann. Am besten auch noch eine Schneefrau und ein Schneekind und einen Schneehund. Dann ist das wieder Hineingehen ganz besonders schön, vom Fenster aus sehen wir jetzt unseren Schneemann und wir freuen uns auf weiße Weihnachten.

Okay. Ich wünsche euch allen eine schöne Vorweihachtszeit. Ich werde jetzt abwaschen und darüber nachdenken, warum die Wochen in letzter Zeit eigentlich so viele Mittwoche haben.




(*) Ich frage mich, was es bedeutet, dass ich an dieser Stelle Keller geschrieben habe. Ich hätte ja genauso gut Dachboden wählen können, habe mich aber instinktiv für Keller entschieden… Kann mir jemand verraten, welche psychologischen Schlüsse sich daraus über meine Persönlichkeit ziehen lassen?

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