Mein Blog ist alles Mögliche – manchmal sinnlos und manchmal persönlich, manchmal langweilig und manchmal wütend. Heute ist es vor allem eines: Eine Warn-Blog. Ein gehen-Sie-keinen-Schritt-weiter-wenn-Ihnen-Ihr-Leben-Lieb-ist-Blog. (An dieser Stelle bitte eine Totenkopf-Fahne vorstellen. Ein blinkendes Stoppschild. Einen Stacheldrahtzaun.)
Heute, liebe Leserschaft, gibt es hier wieder wertvolle Lebensweisheiten zu holen:
Der Urlaub, und was man dabei alles falsch machen kann. Ein Reisebericht in 3 Lektionen.
Im Sommer (und ganz besonders in einem Sommer wie diesem) überkommt einen bekanntlich die Reiselust. Die Sehnsucht nach Sonne. Sandstrand. Salzwasser. Nach Nachtleben und Cocktails am Strand, nach dem Geruch von Sonnenspray, nach Sirtaki und nach einer Sprache, von der man kein Wort versteht. Kurz: Griechenland.
Ist man ein armer Student, zieht es einen unweigerlich zur Höhle des Löwen – zur
Restplatzbörse. (Dreh das Licht ab. Sprich das Wort aus. Flüsternd, ganz langsam. Spür den kalten Schauer, der dir den Rücken hinunterläuft.)
Das Fräulein S. sitzt geschäftig hinter seinem Computer, fragt, was wir wollen und tippselt dann eine halbe Stunde lang herum, ohne zu einem merklichen Ergebnis zu kommen (möglicherweise tauscht sie gerade dreckige ICQ Nachrichten mit ihrem Vorgesetzten aus).
Nachdem sie über einen angemessenen Zeitraum wichtig auf den Bildschirm gestarrt hat, präsentiert sie uns schließlich einen mehr oder weniger günstigen Urlaub in einem 3* Hotel in Psalidi. Psalidi sei ein toller Urlaubsort, meint Fräulein S., eine lebhafte Vorstadt, da sei immer was los. "Lebhaft" und „immer was los“ klingt vielversprechend, da wird nicht lang gezögert und gebucht. Sobald die Tickets da seien, so Fräulein S., werde man sich melden. Das könne nur wenige Tage dauern.
Und wir, voller Vorfreude auf Urlaub, hören das Meer rauschen, schmecken das Salz auf den Lippen und träumen von langen Sommernächten.
Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: Darüber, dass die liebe Restplatzbörse es nicht für nötig hielt, uns beizeiten davon in Kenntnis zu setzen, dass der Reiseveranstalter die falschen Tickets geschickt hat und wir diese deshalb erst direkt am Flughafen erhalten, wollen wir noch mal hinwegsehen. Auch darüber, dass wir uns diese Informationen erst durch unzählige Anrufe selbst besorgen müssen und darüber, dass niemandem ein entschuldigendes Wort bezüglich des mangelhaften Service über die Lippen kommt, sondern wir denkbar unfreundlich behandelt werden, ärgern wir uns noch nicht. Schlechter Tag, viel los im Büro – kann ja durchaus vorkommen.
Die nächste Überraschung erleben wir erst auf Kos: Kaum angekommen, scheucht uns Evangelos, Abgesandter einer kriminellen Untergrundorganisation, auch bekannt als
Delphin Touristik, zu seinem Privatauto (im Touristenbus, so Evangelos, sei kein Platz mehr). Dann chauffiert er uns nach – nein, natürlich nicht nach Psalidi, wo wir unseren Urlaub zu verbringen gedachten. Wie könnte er denn. Er hält in einem kleinen malerischen Örtchen (Kaff, zu gut Deutsch) namens Marmari. Marmari ist nicht klein, Marmari ist winzig. Marmari besteht aus einer staubigen L-förmigen Straße. Entlang dieser Straße gibt es zwei Mini-Märkte, vier Lokale und drei Hotels. Rund herum ist braune Wüste, hin und wieder ein Olivenbaum, ein vertrocknetes Grasbüschel und eine Ziege.
(Lektion 1: Fahre niemals nach Marmari.)
Wir steigen, mehr oder weniger sprachlos ob dieses Nichts, das sich da vor uns ausbreitet, aus Evangelos' Kutsche. Das Hotel, vor dem wir stehen, nennt sich "Stella Maris". Wir weisen unseren geschätzten Reiseveranstalter dezent darauf hin, dass wir das Hotel "Nobel" gebucht haben, nicht das "Stella Maris". Evangelos (immer ganz ist-nicht-meine-Schuld-lächelnde Begeisterung) erklärt, dass das Hotel aus zwei Teilen bestehe, und der, vor dem wir jetzt stünden (auch wenn das auf keinerlei Weise ersichtlich ist) sei das Nobel. Und nein, das Hotel Nobel befände sich keinesfalls in Psalidi. In Psalidi gäbe es überhaupt kein Hotel Nobel. Psalidi würde uns außerdem auch gar nicht gefallen, Marmari ist schließlich viel schöner. Wer will schon Leben, wenn er Leere haben kann? Marmari ist das Urlaubsziel unserer Träume! Er sagt das so überzeugend, dass es schon wieder traurig ist.
Der Psalidi-Fehler klärt sich ziemlich schnell auf – Fehler des lieben Fräulein S. von der Restplatzbörse. Als Adresse sei auf der Homepage des Nobel Psalidi angegeben, ja. Aber Fräulein S. hätte wissen müssen, dass es sich dabei um den Sitz der Delphin Agentur handelt, nicht um den Standort des Hotels.
(Lektion 2: Buche niemals bei der Restplatzbörse.)
Nun gut, wir geben uns vorerst geschlagen. Nachtleben gibt es hier anscheinend nicht viel, aber man hofft wenigstens auf ein schönes Hotel. Wir sehen unser Zimmer. Nun ja, "Zimmer" ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck. "Sehen" auch nicht, denn es ist dunkel, es ist schwarz. Wir erahnen das Loch, in dem wir die nächste wertvolle Woche unseres Lebens vergeuden sollen. Das Loch ist sandig, klein und finster, selbst wenn man das Licht aufdreht; es riecht muffig und von dem angedrohten Balkon weit und breit keine Spur. Nachdem wir ein bisschen verzweifelt und mit der Situation angemessener Grabesmiene auf einem Doppelbett, das keines ist, gesessen sind, beschließen wir, uns erst mal dem Abendessens-Buffet zu widmen.
Ist man unglücklich, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder ein paar Stunden vor sich hinhungern, bis das Hungergefühl die Verzweiflung vertreibt, oder viel gutes Essen. Wenn man satt ist, schaut die Welt gleich wieder besser aus.
Die Theorie ist gut, die praktische Umsetzung weniger. Evangelos stellt uns die Besitzerin, Verwalterin, Rezeptionistin und leider auch Köchin des Hotels vor. Die Dame ist vielleicht wirklich nett, wenn man sie privat kennt. Vielleicht ist sie liebenswert und sympathisch. Ganz sicher ist sie eine Powerfrau. (Sie tut in einem gar nicht so kleinen Hotel alles, was es zu tun gibt. Und sie macht es bemerkenswert schlecht.) Sie sieht aus wie jemand, der nicht kochen sollte. Viele zu einer seltsamen Frisur aufgetürmte graubraune Haare (die sie möglicherweise über Kochtöpfen zu verlieren beliebt), sehr viel Fleisch, sehr viel Haut, sehr viel Braun, sehr viel dicke, kurze, braune Würstelfinger.
Die Kunst ist, während des Essens nicht an die Köchin zu denken, was uns auch ab und zu gelingt. Aber damit ist das Problem noch lang nicht gelöst – das Essen ist zwar manchmal essbar, aber nie gut. Das Buffet ist kein Buffet. Jeden Tag Reis und Kartoffelpüree, beides schmeckt gleich und zwar weder nach Reis noch nach Kartoffelpüree, sondern eher nach dem etwas, nach dem es beim Schweinestall hinterm Hotel riecht. Dazu Salat (was davon übrig bleibt, gibt es zum Frühstück) und fettes Fleisch, altbackenes Brot. Das liest sich jetzt wahrscheinlich ziemlich negativ, aber keine Angst, ganz so schlimm ist es auch wieder nicht: Gleich zweimal dürfen wir in dieser Woche ein kulinarisches Mekka erleben! Einmal Tiefkühl-Hühnersticks und einmal Pfirsichkompott aus der Dose, gleich zwei Gerichte, die eindeutig nicht aus der Hotelküche stammen. Himmlisch!
Noch am ersten Abend, kurz nachdem wir festgestellt haben, dass das Nobel (welch bitterböser Name!) auch nicht mit dem versprochenen Pool ausgestattet ist, führten wir eine erfolglose Diskussion mit dem noch immer lächelnden „Ich kann nichts dafür“-Evangelos, der uns nach wie vor von einem wunderschönen Urlaub in Marmari vorschwärmt. Eine Nacht in dem Loch später dürfen wir schließlich – gegen eine Aufzahlung – in den zweiten Teil des Hotels (der angeblich nicht Nobel hieß, sondern eben Stella Maris) umziehen, das schon eher unseren Vorstellungen und dem von Delphin angepriesenen Standard entsprach: Groß, Balkon, Pool, kein Sand am Boden und sogar Tageslicht im Zimmer!
(Lektion 3: Buche niemals bei Delphin Touristics.)
So. Absatz. Ich habe mich genug beschwert und hiermit auch meine Pflicht erfüllt, unschuldige Mitmenschen vor bösartigen Reiseveranstaltern und –büros sowie Urlaubsorten zu warnen. Falls sich unter den werten Lesern, was ich bezweifle, einer befindet, der bis hier her durchgehalten hat, kann ich ihn beruhigen: Das Ende ist nahe, hier kommt der überraschende letzte Absatz, die Zusammenfassung, das Fazit. Die einfache Antwort auf die Frage: "Wie war dein Urlaub?"
Die Antwort lautet: "Schön war’s! Nur irgendwie zu kurz..."
Warum? Nun, wir fanden bald heraus, dass wir doch nicht völlig von der Zivilisation abgeschnitten waren. Für nur € 1,30 konnte man jederzeit mit dem Bus nach Kos Stadt fahren, wo es sowohl Tag- als auch Nachtleben gab. Außerdem gab es einen wunderschönen Sandstrand, und das praktisch vor der Haustür; Sonnenuntergänge, Cocktails und griechischen Wein.
Aber auch das ist nebensächlich, denn eigentlich ist Urlaub- so wie das meiste Andere im Leben - viel mehr eine Frage des wer als des wo.
Urlaub ist überall dort, wo man guten Gewissens nichts tut und von lästigen Mitmenschen verschont bleibt, Urlaub ist, wo man jemanden hat, mit dem man UNO neu erfinden kann, oder eine Sandburg bauen, Kekse essen und den ganzen Tag in der Sonne liegen, weiße Wände mit Gelsenleichen tapezieren und gemeinsam über schlechte Köche und kleinkriminelle Reiseleiter schimpfen. Urlaub kann sogar in Marmari sein, wenn die Gesellschaft stimmt. Und genau darum war’s ein schöner Urlaub, einer, der ruhig noch eine zweite Woche hätte dauern dürfen!