Ubahnpoetic

Thursday, 1. December 2005

Die Wichtigkeit der kleinen Wörter im Dschungel der großen

Manchmal begegnen wir Sätzen, ja ganzen Texten, die so verschachtelt, so verschlungen sind wie ein Irrgarten, Texte, die wir ganz oben, beim ersten Wort, betreten, eine Fackel in der Hand und uns vorsichtig, fast ein bisschen ehrfürchtig, umschauen. Unsere Schritte hallen, wir können weder das obere Ende sehen noch vor uns eine Grenze, der Feuerschein verschwimmt mit der dunklen Endlichkeit vor uns. Wir kennen unsere Richtung nicht, tasten uns vorsichtig voran, unsicher, wohin wir uns wenden sollen, so vielfältig sind die Himmelsrichtungen hier. Doch dann - plötzlich – stolpern wir über ein kleines, ein ganz kurzes, ein unscheinbares, ein Wort, dass vor uns am Wegrand sitzt, die Beine lässig überschlagen, und damit kämpft, den Mund weit genug aufzukriegen, um von seinem Wurstbrot abbeißen zu können. Das Du ist so vertieft in seine Jause, dass es uns erst bemerkt, als wir direkt vor ihm stehen. Es schreckt kurz hoch, dann lacht es uns fröhlich an und sagt: „Hey, ich bin’s – das Du! Gehen wir einen Kaffee trinken?“ Es streckt uns seine Hand entgegen, und nun haben wir etwas, an dem wir uns festhalten können. Das Du muss eigentlich gar nichts mehr sagen, um uns zu vermitteln, dass es unser Freund ist, dass wir ihm vertrauen können, weil es die Wahrheit ist, und dass wir uns ab jetzt nicht mehr fürchten müssen. Sicher, lächelt das du, wird es uns durch das Labyrinth der großen Wörter führen. Es biegt einmal rechts ab, einmal links, unterhält uns mit kurzweiligen Erklärungen der Ausdrücke, denen wir begegnen, zeigt uns, wie wir an Lianensätzen über Schluchten schwingen und metaphorische Kokosnüsse knacken können, und ehe wir uns versehen, stehen wir auch schon am anderen Ende des Textes, müssen das du loslassen, unseren neuen Freund, fast ein bisschen traurig sehen wir ihn im Wörterdschungel untertauchen.

Abgesehen davon, dass ich Wörter im Allgemeinen mag, gibt es ganz bestimmte Buchstabenstücke, die ich ganz besonders gern habe. Du ist eines davon. Das Du ist als Stilmittel von enormer Wichtigkeit, denn es sagt dem Leser, dass es sich bei dem eben Beschriebenen um etwas jederzeit von ihm Nachvollziehbares handelt. Es fordert ihn auf, sich auf das du einzulassen, Freundschaft mit seinem ganzen Satz und der Umgebung zu schließen, das Du vermittelt dem Er die Fähigkeit, durch die Augen des Ich zu sehen, es spricht ihn persönlich an, lächelt und ist sympathisch. Das Du wird für den Leser der kleine grüne Kaktus draußen am Balkon, der eine sichere Ort, an den er jedes Mal zurückkehren kann, wenn er sich im Wörterdschungel zu verlaufen droht, das Stückchen Bekanntheit mitten in der Fremde, die Mc Donald’s Filiale in der Wüste, das Lächeln unter Tausend fremden Gesichtern.
Es gibt kein anderes Wort, dass das Du ersetzen könnte. Vertauschte ich es beispielsweise mit einem man, wäre der Sinn des Satzes ein völlig anderer, fast ein gegensätzlicher. Das man ist unpersönlich - nicht unfreundlich, aber auch nicht nett – dem man ist das Er egal. Das Er, denkt das man, soll doch bleiben, wo der Pfeffer wächst.
Wenn ich ein man verwende, stelle ich eine allgemeingültige Wahrheit in den Raum. Eine Wahrheit, die nicht kritisiert werden darf und dem Leser aber auch nicht besonders nachvollziehbar erscheint, weil sie ihn in ihrer Allmacht einfach überfährt, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, das Beschriebene auf sich selbst umgelegt zu prüfen.

Eine weitere mögliche Ersatzmöglichkeit wäre der gesamte Satz im Passiv. Dadurch werden sowohl du als auch man vermieden und der Satz als ganzer auf eine abstrakte, harte Ebene gehoben. Der Wörterdschungel eines passiven Textes ist nicht der verschlungene Trampelpfad unter Comic-Palmen und aufwärts fließenden Wasserfällen, Hängebrücken, Krokodilflüssen und Regenbögen eines Du, auch nicht die staubige Eintönigkeit der Wüstenlandschaft eines man, sondern ein komplexes dreidimensionales Netz, das in seiner strukturellen Durchdachtheit und Genauigkeit nur dem Autor zugänglich ist, und hat somit noch weniger mit dem du gemeinsam als das man.

Du ist nicht allein. Auch Menschen, eigentlich und kreativ gehören zu seinen Genossen. Ich mag diese Wörter mehr als alle anderen, und ich kenne jemanden, der sie verbieten möchte. Ein Duverbot ist, als würde man alle Notrufsäulen an der Autobahn abmontieren. Wie kann man das nur wollen?

Wednesday, 16. November 2005

Schön

ist es
ein kleines bisschen
Schuld zu sein
am Glück
eines Anderen.

Sunday, 6. November 2005

...

we stroll through a zoo, amazed by strange creatures,
and when crossing a bridge ask for the right moment to burn our past,
or preserve it in a jam jar for sharing it with another walker
one cold white winter night.

Saturday, 8. October 2005

ab hier, weil es ist wie es ist, selbstverständlich

Es ist besser über den Fluss zu schwimmen als später traurig zu sein, weil kein Schlauchboot vorbeigekommen ist um uns mitzunehmen.

Wednesday, 21. September 2005

Der Unterschied zwischen persönlich

Persönliche Dinge haben ziemlich viel mit Salatsauce gemeinsam: Manch einer hat, wenn er an Salat denkt, einen Haufen grüner Blätter mit ein bisschen Essig und Öl vor Augen. Ein Anderer stellt sich dasselbe Grünzeug unter Joghurt-Kräuter-Dressing vor.

Persönlich ist für manchen etwas, das er niemals weitererzählen würde, weil es nun mal niemanden etwas angeht. Aus diesem Grund läuft es schließlich in der Kategorie „persönlich“.
Für andere ist persönlich etwas, das zwar nicht jedem erzählt, mit manchem aber umso lieber geteilt wird, weil Vertrauensbeweis und weil manchen einfach gern erlaubt wird, einen zu kennen, von früher bis heute, links bis rechts.

Wenn sich nun ein Essig und Öl-Mensch und ein Joghurt-Kräuter-Dressing-Mensch über den Weg laufen und einer der beiden seinen Salat mit dem anderen teilen will, führt das zwangsläufig zu Ernüchterungen auf mindestens einer Seite: Der Essig-Öl-Mensch ist enttäuscht, weil er das Gefühl hat, der Kräuterdressing-Bevorzuger vertraue ihm nicht, und entwickelt seinerseits Hemmungen, dem Gegenüber die eigene Marinade anzubieten, weil er das Vertrauen-gegen-Vertrauen-Prinzip anwendet. Bietet er schließlich dem Kräuterdressigfetischisten doch eine Portion Essig-Öl an, welche aber nicht angenommen wird, fühlt sich der Essig-Öl-Salatesser, als habe man ihm ein selbstgebasteltes Weihnachtsgeschenk zurückgegeben.
Der Kräuterdressing-Liebhaber hingegen versteht nicht, warum der Essig-Öl-Mensch unbedingt etwas von seinem persönlichen Salatdressing haben will; allein die Frage danach erscheint ihm taktlos und unangemessen. Noch weniger kann er verstehen, dass dieser komische Kauz unbedingt seine Salatsauce mit ihm teilen möchte. Er will nichts mit fremden Salatsaucen zu tun haben, er ist der Meinung, fremde Salatsaucen gingen ihn nichts an. Er würde schließlich auch kein fremdes Tagebuch lesen.

"Solang die Menschen noch jung sind und die Partitur ihres Lebens erst bei den ersten Takten angelangt ist, können sie gemeinsam komponieren und Motive austauschen. Begegnen sie sich aber, wenn sie schon älter sind, ist die Komposition mehr oder weniger vollendet, und jedes Wort, jeder Gegenstand bedeutet in der Komposition des einzelnen etwas anderes", sagt Milan Kundera, der vielleicht auch einer ist, der mit Begeisterung zu viel nachdenkt und darum wieder einmal Recht hat.

Thursday, 18. August 2005

Woran liegt es...

Woran liegt es, dass die, von denen wir wollten, dass sie blieben, immer gehen, während die, von denen wir uns wünschten, dass sie gingen, viel zu lange bleiben?

Monday, 15. August 2005

Verständnis?

Viele Probleme, heißt es, würden sich ganz von selbst lösen, wenn die Menschen einander nur mehr zuhörten.
Die Theorie ist simpel, und sie ist gut. Aber (was auf den ersten Blick einfach scheint, hat fast immer ein aber) zum Zuhören gehören – wie zu allen Kommunikationsversuchen – immer zwei. Denn wem nutzt das intensivste Zuhören, wenn keiner bereit ist, zu reden?

Monday, 25. July 2005

Jeder muss ein bisschen anders sein dürfen

Wenn wir auch noch so viele Gemeinsamkeiten haben, so sind wir trotzdem alle anders, und anders ist gut - anders, verschieden, einzigartig.
Es gibt keinen dümmeren Ansatz, als Menschen einzuteilen, in klug und naiv, Optimisten und Pessimisten, Schwache und Starke, Große und Kleine, Dicke und Dünne, Mutige und Feiglinge...
Denn oft muss man nur ein kleines bisschen genauer hinschauen um zu erkennen, dass der Schwache dem Starken um nichts nachsteht, dass naiv gleichzeitig klug sein kann, dass der Ängstliche manchmal viel mutiger ist als irgendjemand sonst.
Das zu übersehen reduziert um Millionen interessanter Eigenheiten, kleiner Fehlern, verborgener Talenten und vor allem um sehr viel Menschlichkeit...

Monday, 20. June 2005

Manchmal

muss man einfach nur ein bisschen Geduld haben, und irgendwann, wenn ihre Zeit gekommen ist, ergeben sich geniale Dinge und richtige Momente ganz von selbst...

Tuesday, 17. May 2005

just

Busfahren. Busfahren nervt, davor und danach, weil lang(weilig) und teuer.

Aber währenddessen... wenn man erst mal eingestiegen ist und es sich gemütlich gemacht hat... dann möchte man am liebsten gar nicht mehr aussteigen: Aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft schauen und dabei träumen, der Regen trommelt aufs Dach und herinnen ist es gemütlich und warm, Musikhören und über Gott und die Welt nachdenken...

Ja, Busfahren hat wirklich was für sich. Danach bin ich, ganz grundlos aber trotzdem, immer ein bisschen zufriedener.

paramañana.

linguversum

letterbox

linguversum [at] gmail [dot] com

Users Status

You are not logged in.

Reading

Frank Kermode
The Sense of an Ending

Marlene Streeruwitz
Kreuzungen

Margaret Atwood
Alias Grace

A. S. Byatt
Babel Tower

Khaled Hosseini
The Kite Runner

Recent Updates

No-Ends.
It's summer-raining against the backdrop of a new Will...
thisandthat - 22. Jul, 19:39
Wedding Pictures
I am looking at a friend’s wedding pictures....
thisandthat - 19. Jul, 08:38
Des Kaisers neue Kleider
"Die Internationale Organisation für Normung (ISO)...
thisandthat - 12. Jul, 17:03
I am sure you will have...
I am sure you will have an unforgettable time there....
thisandthat - 3. Jul, 08:42
Thanks for painting the...
And what I'd hoped it would be like. I only sent a...
Jude McArdle (anonymous) - 30. Jun, 23:08

Status

Online for 1285 days
Last update: 23. Jul, 22:17

Credits


Creative Commons License

xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB


Central America
Cinema
costa rica
days stand up on end
Dislikes
Eine Ode an...
fahrratschläge nach besser
Fragen
impreSsionen
It was a cold, bright day in April and the clocks were striking thirteen.
Klick.
LeseSucht
Mexico
Music
South America
That's life
... more
Profil
Logout
Subscribe Weblog